Ausgegraben: Liebesbriefe an alte, weiße Männer, Teil 1

 

Anfang 2018 hatte ich eine Idee: Warum nicht einen Essayband schreiben? Das Thema lag irgendwie auf der Hand: alte, weiße Männer. War schließlich schon vor Jahren der Witz des Netzfeministinnentums, damals, als die Bezeichung als Feministin noch Marktwert verbrannte statt verschaffte. Und so konzipierte ich ein Buch, mit etwa zwei Dutzend Kapiteln, jedes ein alter weißer Mann (politisch gesprochen, nicht buchstäblich). Von Goethe bis zu meinem Opa, von Marx bis Raab. Einige dieser Texte habe ich letztes Jahr auch schon vorgetragen, zum Beispiel im Mai 2018 auf einer Lesung mit Leo Fischer im ERNST in Berlin. Ich hatte so Bock dieses Projekt zu machen. Naiverweise dachte ich: Wenn ich Liebesbriefe an alte, weiße Männer schreibe, ist das versöhnlich. Und versöhnlich ist gut.

Doch das erste Feedback war… ernüchternd. Schwer zu verkaufen, zu experimentell. Das Format zu ungewöhnlich, hieß es, es sollten schließlich Liebesbriefe werden. Liebe, ach ja. Dieses Thema. Liebt man etwas an alten, weißen Männern, gerade als Feministin? Aber ich finde: Liebe kann mehr bedeuten. Die Liebe zu sich selbst, die enttäuschte Wut nach einem Verrat, die Liebe zu unerfüllten Idealen. Angst. Verzweiflung. Hass. So verstand ich damals meine Texte, so betrachte ich sie heute.

Lange blieb das Projekt liegen. Ich habe stattdessen letztes Jahr einen Gedichtband veröffentlicht, eine Trennung verdaut, die Selbstständigkeit verwirklicht. Irgendwann blieb die Muße aus, Menschen von dem Konzept zu überzeugen. In einem Exposé schrieb ich: “Die Briefe sind humorvoll, nachdenklich, begeistert, verbittert – aber stets fair.” Heute denke ich: Wieso sollten sie? Fair sein, meine ich. Allein das politische Konzept der alten, weißen Männer mit ihrer Machtzentrierung ist unfair.

Trotzdem, ich möchte einiges nicht ungesagt lassen und mit dieser neuen Webseite habe ich endlich Platz, selbst zu publizieren. Zum Weltfrauentag veröffentliche und aktualisiere ich daher drei ausgewählte Texte: Matthias Reim, Jan Fleischhauer, Jogi Löw. Und entscheide mich bewusst dafür, dass es mir erstmal egal ist, ob ich sie zu einem Buch machen kann oder nicht, ob ich damit jemandem gefallen kann oder nicht. Ich entscheide mich für mich, meine Kunst, und die Lust, sie mit euch zu teilen.

Mina

Lieber Matthias,


du warst meine erste große Liebe. Nun, so groß eine Liebe bei einem fünfjährigen Mädchen im Kindergartenalter nun mal sein kann, das nichts weiteres von dir weiß, als dass du ihr Lieblingslied gesungen hast. Trotzdem. Damals, 1990, war meine Liebe einfach und unbeirrt. Verdammt, ich liebte dich.

Eigentlich wollte ich in diesem Brief an dich über Musik schreiben, über Schlager und Verbundenheit, aber ganz ehrlich, wenn wir hier schon so vertraut miteinander kommunizieren, kann und sollte ich doch vielmehr gleich die großen Brocken anpacken, meinst du nicht? Ein Projekt aus lauter Liebesbriefen, ohne über die Liebe zu sprechen? Selbst für eine Zynikerin wie mich zu traurig.

Ja, zynisch bin ich, wurde ich, natürlich wesentlich mehr aus Trotz und Selbstverteidigungsreflex denn als aus Überzeugung, wie es eigentlich bei allen großen Zynikerinnen der Fall ist. Wahrscheinlich mag ich deinen großen Hit Verdammt, ich lieb dich deswegen auch immer noch so.

Das lyrische Ich, der Mann, ist im Kern auch zynisch. Oder bitter? Bereuend auf jeden Fall. Frustriert. Enttäuscht, auch von sich selbst. Das lyrische Ich deines Hits ist, kurz gesagt, wie all zu viele Männer. Sie kennen den Unterschied zwischen Angst und Freiheitsliebe nicht. Sie glauben, Liebe und Freiheit schlössen sich aus. Eine Bindung macht ihnen Angst, genauso aber das Alleine sein. Also trösten sie sich mit allem, was sie davon ablenkt: Karriere, Affären, Drogen, Sport. Manche landen wahrscheinlich sogar im Internet und schreiben gemeine Dinge an wildfremde Menschen. Andere schreien diese Gemeinheiten ihren Frauen ins Gesicht, vor deren Bindung sie eigentlich Angst haben. Alles, nur um sich nicht selbst zu sehen.

Ups, das ist nun doch etwas sehr verbittert und zynisch. Also, von meiner Seite, nicht falsch verstehen. Glaube ich nicht mehr an die große Liebe, fragst du? Ach Matthias, ich weiß es nicht. Ich glaube an große Lieben, und an Größe in Liebe. Ich glaube an Menschen. Ich liebe Menschen. Ich glaube, dass Menschen viel mehr schaffen können, als sie sich selbst zugestehen. Aber an die große Liebe? Das ist doch eine hinderliche Kategorie, zementiert sie eine einzige Person auf einem Podest, die dort, wenn wir ehrlich sind, meistens nicht hingehört. Blicke ich zu den vielen klugen Frauen, die in meinem Leben sind, dann wissen diese das auch. Schmerzlich haben wir gelernt, uns nicht in die Liebe zu verrennen - und das, obwohl uns von klein auf beigebracht wird, dass einen Mann zu finden, der uns liebt, das einzige Ziel im Leben sei.

An Männern, die uns lieben, mangelt es aber meistens nicht. Wohin ich auch blicke, ich sehe so viele tolle, liebevolle Männer mit genug Gefühlen für drei Leben. Aber sie lassen sie nicht zu. Sie flüchten, bevor sie sich damit auseinandersetzen können. Sie fühlen sich eingeengt, unfrei. Aber Liebe, das ist ja das vertrackte, bedeutete auch immer, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Liebe ist nicht einfach nur ein Zustand, den man hat, ein- und ausschaltet, und irgendwann verliert. Liebe ist ein Prozess, ein Weg, und der geht immer von einem selbst aus. Stimmst du mir zu, Matthias? Ich stelle mir gerne vor, dass du ja sagen würdest.

1990, als du Verdammt, ich lieb dich veröffentlicht hast, waren die Frauen und Männer von denen ich schreibe Kinder. Und ich frage mich: Was haben all die Eltern, die diesen Song hörten (und schaue ich mir die Charts an, so waren das in Deutschland damals wohl so ziemlich alle), mit ihren Söhnen gemacht? Was habt ihr ihnen erzählt, über die Liebe, und über Freiheit?  Über die Frauen, aber auch über die Männer, und schließlich: über das Leben?

So langsam fällt mir alles wieder ein
Ich wollt' doch nur 'n bisschen freier sein
Jetzt bin ich's - oder nicht
Ich passte nicht in Deine heile Welt
Doch die und Du ist, was mir jetzt so fehlt
Ich glaub' das einfach nicht

Was ihr den Frauen erzählt habt, weiß ich: such dir einen Mann, bau ein Haus, bekomm ein Kind. Der Mann sorgt schon für dich. Aber für alle Fälle ist es nicht schlecht, wenn du dich auch selbst versorgen kannst, deswegen mach auf jeden Fall die Schule und Ausbildung zu Ende. Aber was sagtet ihr den Männern? Das gleiche? Nun, Matthias, ich verstehe es nicht, wie können all diese klugen Männer dann doch so weit entfernt von uns landen, sich so wenig mit sich selbst beschäftigen, wenn wir doch alle den gleichen Traum, die gleiche Lüge aufgetischt bekommen haben?

Wenn ich dir jetzt meine Vermutung aufschreibe, rollst du vielleicht mit den Augen. Das wäre schade. Ich hoffe, dass du trotzdem weiter liest. Ich glaube nämlich, dass es gar nicht mal daran liegt, dass uns Frauen und Männern ein unterschiedlicher Traum verkauft wurde, sondern, dass Männer es aufgrund ihrer Stellung in der Gesellschaft weniger gewohnt sind, sich mit der Realität auseinanderzusetzen.

Ja, es geht um Privilegien. Vor allem die von heterosexuellen Männern, ich möchte das noch mal kurz betonen. Liebe kennt glücklicherweise kein Geschlecht, aber ich schreibe hier ja für und über die Männer und so blicke ich als Frau eben auf jene Paare, die aus Frauen und Männern bestehen. Privilegien, eigentlich ein schreckliches Wort. Es impliziert im Alltag häufig, dass man(n) etwas unverdienterweise erlangt hätte, ohne eigenes Zutun. Dabei geht es bei Privilegien ja eigentlich nur darum, dass eine bestimmte Gruppe ein Vorrecht auf etwas hat. Einen Vorsprung, eher. Sei es in der Berufswelt, wo sich erfolgreiche Manager gerne mit Menschen umgeben, die ihnen ähneln - und das sind meist andere Männer - und daher anderen Männern zuerst eine Chance bieten, oder sei es in der Schule, wo Jungen ein mysteriöser Vorsprung in naturwissenschaftlichen Fächern zugestanden wird, für diese sie besser geeignet sein müssten. Oder, um noch mal auf all die Paare zurückzukommen, sei es in der frisch gegründeten Familie mit Baby, wo der Mann in der überwältigenden Mehrheit der Beziehungen für sich selbst das Vorrecht auf Karriere ausruft. Zu Hause bleiben und das Kind umsorgen? In Elternzeit oder gar Teilzeit gehen? Da wird doch wohl die Frau einspringen!

Erklärt wir das mal mit Biologie, mal mit Netzwerken, mal damit, dass ja einfach keine Frauen da seien. Und die Frauen? Die sitzen am Rand, warten darauf, dass alle Männer mit ihren Vorrechten bedient sind, und versuchen sich dann das zu schnappen, was übrig ist. Nicht die Beförderung, aber vielleicht eine kleine Gehaltserhöhung oder eine Sonderzahlung. Nicht die Karriere als selbstständige Expertin, sondern vielleicht die 20-Stunden-Stelle im Betrieb mit Unternehmenskita. Dafür müssen sie sich Strategien überlegen, gucken, in welche Lücken sie passen, sich fortwährend mit sich selbst beschäftigen. Sie können sich selbst nie entkommen.

Männer hingegen? Sie können sich treiben lassen, vom Leben, von der Liebe. Konnten, vielleicht besser gesagt. Denn unsere Generation führt Kämpfe, die du, Matthias, und deine Generation, sich wohl so nicht hätte träumen lassen. Du wurdest 1957 geboren, das gleiche Jahr wie meine Mutter. Die 68er Bewegung habt ihr als Kinder miterlebt, die Kämpfe um Gleichberechtigung waren für euch ja eigentlich schon durchgekämpft. Nichts mehr zu tun, hm? Nun, ihr habt uns mit einem Selbstverständnis der Gleichberechtigung großgezogen, das ihr jedoch selbst nie ganz gelebt habt, da eure Elterngeneration das auch einfach so nicht kannte. Woher hättet ihr das lernen sollen? Die 68er revoltierten doch gegen eben jene eure Eltern. Und wir, eure Töchter und Söhne? Wuchsen im Traum auf, dass alles doch schon irgendwie gerecht werden würde.

Aber die Zeiten haben schnell gezeigt, dass dem nicht so ist. So wie die soziale und ökonomische Spaltung in der Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten voran schritt, beschleunigte sie den Wunsch nach Gleichberechtigung der Geschlechter. Es wurde schwieriger für Frauen, auf die Reste zu warten die die Männer übrig gelassen hatten, weil es weniger Reste zu verteilen gab. Und nun sind wir hier, in unseren Dreißigern, und wollen mehr vom Leben. Mehr Chancen. Mehr Teilhabe. Mehr Liebe.

Und unsere Männer, ach, die armen. Sie sind vollends überfordert, von diesen tollen, starken Frauen, die über ihre Kämpfe sprechen und ihre Wunden selbst verbinden. Ehrfürchtig blicken sie uns an, verfallen uns, blicken in sich selbst und sehen nur ein spärlich gewachsenes Pflänzchen, das sie selbst nie gepflegt haben. Was sollen wir ihnen raten, Matthias? Dass Männer ihren Frauen sagen, dass sie sie verdammt noch mal lieben, reicht nicht aus.

Der Traum der heilen Welt, der einfach gestrickten Familie, war von Anfang an zum Scheitern verurteilt, weil er für viele einfach unerreichbar bleibt. Man kann nicht alles haben im Leben, auf irgendwas muss man immer verzichten. Das hast du ja damals schon besungen. Meinst du, wir hätten als Kinder einfach besser zuhören müssen? Nun, in der Mitte unseres Lebens, blicken wir uns um und der Traum wurde zum Albtraum. Männer und Frauen sind gleichermaßen in ihm gefangen, doch stehen wir an unterschiedlichen Enden, finden nicht zueinander. Es ist zum Haareraufen.

Puh, das wurde ziemlich schnell ziemlich komplex. Verzeih mir, Matthias. Eigentlich kannst du ja nichts dafür, bist bloß meine Projektionsfläche für Gedanken und Gefühle, die in mir brodeln und raus wollen. Aber vielleicht steckt doch ein Körnchen Wahrheit in meinen Worten?

Hmm, ich glaube trotzdem: Ich muss mich korrigieren. Verdammt, ich lieb dich ist kein Text über Zynismus oder Verbitterung. Es ist ein Lied über Mut. Nein, ich glaube nicht mal, dass es um Angst geht, sondern um die Abwesenheit von Mut. Dein lyrisches Ich erzählt von Situationen, in denen ihm der Mut fehlt, zu handeln: Der Mut, sich auf ein neues Leben einzulassen. Der Mut, sich auf die Frau einzulassen. Der Mut, auf die andere Person zuzugehen. Der Mut, sich das einzugestehen. Ich will dich. Ich will dich nicht. Ich will dich nicht verlieren. Aber handeln, mutig sein? Das will er wiederum auch nicht. Kann er nicht.

Mensch Matthias, du hast da wirklich einen Evergreen produziert, der wahrscheinlich solange Menschen ansprechen wird, solange wir unsere patriarchale Gesellschaft nicht überwunden haben. Wow, ja, ich weiß, harter Tobak. Keine Sorge, ich unterstelle dir kein feministisches Liedertum. Ich biete dir nur eine feministische Interpretation. Vielleicht wäre das ein Start, um mit anderen Männern darüber zu reden. Mit den Söhnen und Neffen, den Patenkindern und den Freunden. Keine Frau der Welt wird den Männern jemals den Mut geben können, in sich selbst zu blicken und sich dem, was sie dort finden, zu stellen. Aber aus Erfahrung, sowohl meiner eigenen, als auch der vieler anderer toller Frauen, kann ich nur sagen: Es ist nicht so schlimm, wie es scheint. Seid mutig, liebe Männer. Insofern: Danke, Matthias. Du warst da etwas Wichtigem auf der Spur.

In liebevollem Mute,

Deine Mina




 
Yasmina Banaszczuk