Liebesbriefe an alte, weiße Männer, Teil 2

 

Wie gestern begonnen, veröffentliche und aktualisiere ich zum Weltfrauentag drei ausgewählte Texte meines begonnenen Textprojekts “Liebesbriefe an alte, weiße Männer”: Matthias Reim, Jan Fleischhauer, Jogi Löw.

Heute der wohl unfreiwillig langweiligste alte weiße Mann deutscher Kolumnen: Jan Fleischhauer.


Lieber Jan,

In letzter Zeit muss ich immer wieder an dich und “Unter Linken” denken.  Dein Buch steht in meinem Bücherregal in der Reihe, wo auch Stephen King und Niccolò Macchiavelli stehen, ein bisschen passend, fast mehr Gruselprosa als Sachbuch. “Von einem, der aus Versehen Konservativer wurde” – ich kann mir kaum etwas Gruseligeres vorstellen. Außer mit Absicht Konservativer werden, vielleicht.

Während ich in den sozialen Medien diskutiere und fremden Menschen versuche nahezubringen, warum eine alleinerziehende aufstockende Mutter nicht durch Karl Marx Fanboys gerettet werden wird, denke ich an dich und dein Buch. Tief hinten, in meinem Rachen, aufsteigend aus meinem Herzen, schmecke ich den metallenen Biss von Blut und Verbitterung.

Meine Augen rollen nicht einmal mehr, wenn ich linke Diskussionen lese, sie starren einfach durch alle Buchstaben hindurch, ins Nichts, ein schwarzes Loch, das sich aus meinem Herzen langsam in meine Seele fräst. Immer wieder möchte ich mich aufregen, will wütend sein, passiv-aggressive Tweets oder gleich eine Spiegel Kolumne schreiben, einen Streit vom Zaun brechen und die abgebrochenen Zaunpfähle dazu benutzen, den Leuten ihre Stöcke aus dem Arsch zu hebeln. Stattdessen tue ich – nichts.

Ich schlucke alles brav hinunter, bis mein Magen voll Herzblut ist und meine Seele ein leeres Nichts. Und ich frage mich: ging es dir so, als du Unter Linken schriebst? Kennst du meine Wut, meine Enttäuschung, meinen Schmerz?

Ich kaufte Unter Linken, als ich noch in einem großen internationalen Konzern arbeitete und mich vor allem eins kennzeichnete: Liberalismus. Gerade frisch BWL fertig studiert zog ich in die Welt hinaus. Wenn ich am Wochenende nicht stolz die FAS las um mir zu beweisen, dass ich jetzt wirklich intellektuell in den Reihen der Vorstände angekommen war, für die ich wochentags arbeitete, stöberte ich in Bücherläden nach interessanten Werken. Ok, zugegeben: Wahrscheinlich hab ich es gekauft, weil eine Rose drauf war. Typisch Mädchen halt. Aber Unter Linken sprach mich auf eine weitere Ebene an, wie es dort in der Auslage strahlte. Unter Linken… was bedeutete das? Ich war fasziniert. War das eigentlich deine Zielgruppe? BWL Studentinnen? Nee, Quatsch. Waren natürlich BWL StudenTEN.

Nun, ich gebe zu, ich habe es nicht zu Ende gelesen. Eigentlich habe ich nicht mal das erste Kapitel zu Ende gelesen. Ich dachte damals, es würde viel mehr um Linke gehen – Ulrike Meinhof interessierte mich sehr, und das obwohl ich vom Feminismus ungefähr so weit weg war wie die SPD heutzutage von der Sozialdemokratie – aber dann ging es nur um deinen Linken-induzierten Schmerz. Durch jede Zeile schien eine Enttäuschung durch, eine Verbitterung, die mich unerwartet traf. Zu idealistisch war ich damals, zu naiv, als dass ich mir wirklich ein ganzes Buch darüber durchlesen wollte, wie enttäuschend linke Menschen schlussendlich sein können.

Ach Jan, vielleicht verstehst du mich, vielleicht hätte ich dein Buch doch ganz lesen sollen. Vielleicht wäre mir dann einiges erspart geblieben. Vielleicht hätte ich auch früher erkannt, dass es linkes Bildungsbürgertum nicht gibt. Vielleicht hätte ich gar nicht so gerne dazu gehört, letztendlich, und mich viel früher damit arrangiert, dass die meisten Menschen Arschlöcher sind. Ist das nun pragmatisch oder zynisch? Ist das überhaupt wichtig?

Beschwingt von diesen Zeilen nehme ich dein Buch zur Hand, eine Seite blättert auf. Und - das ist jetzt kein Witz, kein Stilmittel, keine Erfindung – es begab sich tatsächlich so an einem kalten Morgen in Berlin: “Ich habe mich im Internet umgesehen”, schreibst du auf der Seite, die ich finde, “Es gibt viele Bücher über Linke [...] und sie beschreiben alle, wie gut es sich anfühlt, auf der richtigen Seite zu stehen. Ich habe mich gelegentlich gefragt, wer eigentlich die Käufer sind. Wer braucht Bücher, die ihm sagen, was er eh schon weiß? Wahrscheinlich handelt es sich um eine Untergattung der Selbstbestätigungsliteratur, statt unter Lebenshilfe stehen sie im Regal eben unter Politik.” Ach Jan. Jan, Jan, Jan. Mein liebster Nicht-Linker Jan.

Ein bisschen klingst du ja wie Harald Martenstein, prophetisch vielleicht, als du das Buch vor fast einem Jahrzehnt geschrieben hast, wobei, nicht wirklich, betonen doch seit Jahrzehnten viele Intellektuelle immer wieder, wie enttäuschend sie von Linken behandelt wurden. Sie ergießen dann ihre halbe Lebensgeschichte in ihre Texte, betonen, dass sie wirklich, leibhaftig, mit Herz und Seele links aufwuchsen! Man hatte das ja alles versucht, dieses Linkssein, sich wirklich Mühe gegeben, mit 6 Jahren oder mit 26, irgendwann halt. Aber! Dann kamen die anderen Linken. Und die, na ja, du weißt es selbst. Schrecklich. Nervig. Überkorrekt. Anstrengend. Nicht sexy. Ein bisschen so wie der Wedding: gehyped und dann doch einfach nur dreckig.

Denn ja, Links sein ist anstrengend, unsexy, und ein wahrhaft dreckiges Geschäft. Man macht sich die Hände schmutzig, immer wieder, online wie offline. Diskutiert im Kreis, im besten Falle mit Andersdenkenden – Konservativen –, im schlimmsten Falle mit anderen Linken. Da ist eine Meinungsverschiedenheit innerhalb linker Gruppen kein kleinerer Diskurs oder gar eine Chance, nein, es geht immer um alles, Schwarz oder Weiß, Richtig oder Falsch, Leben oder Tod. Jan, jetzt fragst du dich vielleicht, warum ich dir das alles schreibe, wo du es doch selbst weißt? Denn nein, das hier ist keine Selbstbestätigungsliteratur, es ist nicht einmal Fremdbestätigungsliteratur. Im Gegenteil. Ich werde dir jetzt widersprechen.
Du liegst falsch.

Falsch? Warum denn? Habe ich dir doch gerade in so vielem Recht gegeben! Nun, wie soll ich sagen: der Rechenweg ist richtig, das Ergebnis falsch. Du benutzt falsche Variablen, falsche Ausgangswerte, und wie wir im Accounting im Großkonzern immer so schön gesagt haben: Shit in, Shit out.

Du gehst davon aus, dass deine Definition von “links” noch aktuell ist. Du denkst, du weißt, was Linkssein heißt, weil deine Eltern SPD gewählt haben und ein Problem mit amerikanischem Kapitalismus hatten. Und, sicherlich, damals, als du jung warst, waren das durchaus Erfahrungen, die man unter “links” verbuchen konnte. Damals, war das sicherlich ein guter Querschnitt der deutschen Linken. Aber ist das heute immer noch so, Jan? Schau dich doch einfach mal um: Kapitalismuskritik, insbesondere amerikanische, ist ein beliebtes Querfrontthema und nun beileibe kein linkes Alleinstellungsmerkmal mehr. In der Kultur- und Medienszene, von der du schreibst sie sei fast durchgängig links, wird sich bei weitem nicht so konsequent links positioniert wie man es vielleicht erwarten würde; stattdessen werden Menschen mit rechten Ideologien zu Preisverleihungen eingeladen, auf Buchmessen gebauchpinselt und in Talkshows interviewt. Meinungsvielfalt, nennt sich das dann.

Auch die Politik eines Willy Brandts, oder mehr noch, eines Helmut Schmidts, könnte man heutzutage problemlos in einer CDU finden. Schmidts Innenpolitik dürfte einem Joachim Herrmann das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen und die Aussage, die SPD sei links, dürfte seit Hartz IV wohl eher für bittere Lacher sorgen als für wohlwollende Zustimmung. Selbst die Grünen, die in den Achtzigern in Turnschuhen im Bundestag signalisierten wie radikal sie waren, verblassen mittlerweile neben jungen Frauen aus der Union mit Basecap. Auch fordern die Grünen schon lange nichts wirklich radikal linkes mehr. Umweltschutz und Gleichberechtigung sind Mainstream. Und das ist richtig so. Denn die Gesellschaft entwickelt sich weiter, rapide, und wo links eben für Progression steht bedeutet das eben auch, dass sich schon aus der Natur der Sache heraus die eigene Haltung weiterentwickeln muss, sonst ist sie nicht mehr links.

Man könnte also sagen, dein Verständnis vom Linkssein ist ein bisschen aus der Zeit gefallen. Das ist nicht schlimm, generell scheint es mir eine Entwicklung zu sein, die vielen alten weißen Männern so geht. Nein, warte, das ist falsch: Die vielen alten weißen Männern in Machtpositionen so geht.

Oha, Machtposition. Das bisschen Einfluss beim Spiegel, na Mina, wer wird denn da gleich übertreiben. Journalismus, generell, heißt doch jetzt Lügenpresse, liest das überhaupt noch jemand? Ja, Jan. Natürlich zählen Journalisten - und dann gerade politisch schreibende, kommentierende, so wie du - zur deutschen Machtelite. Sprache schafft Realität, Meinung macht Politik. Würdest du mir hier widersprechen? Ich denke, das wäre tatsächlich ein spannendes Streitgespräch, spannender sicherlich als über weitere Privilegien deiner alten weißen Männerkollegen zu sprechen: finanzielle Sicherheit, soziale Herkunft, Bildungsprivilegien qua Geburt.

Wusstest du, dass dein Studium so gut wie gesetzt war, bei dem Bildungshintergrund deines promovierten Vaters? Wusstest du, dass schon die Chance auf eine Gymnasialempfehlung auch heutzutage für Kinder aus gut gestellten Familien um ein über vierfach höheres ist als für Kinder aus Hartz IV Familien?

Nun, egal, ich halte dir ja keinen Vortrag über Chancengleichheit, auch wenn du dann so Kolumnenbeiträge wie jenen über die faulen armen Familien die ihren Kindern einfach nicht vorlesen weil sie trinken oder einfach nur ihre Kinder hassen vielleicht nicht einfach mehr so hinrotzen würdest. Nein, ich versuche dir zu erklären, warum du mit deiner Analyse der deutschen Linken so falsch und gleichzeitig so richtig liegst: Die deutsche Linke ist eine absolute Katastrophe. Sie ist der Inbegriff, des alten, weißen Mannes.

In der deutschen Linken gibt man sich gerne intellektuell, man redet über Adorno, Marx und Butler. Man konsumiert bewusst, bio. Man unterstützt die Kultur, geht ins Theater und in die Oper. Man verachtet alle, die einem nicht zuhören. Kurz: Man frönt seiner Privilegien. Bildung, Zugang zu Kultur, finanzielle Freiheit, Meinungshoheit - sowohl für die deutsche Linke als auch für den alten weißen Mann selbstverständlich. Allen anderen fehlt, wie so oft im Leben, der Zugang.

Glaub mir Jan, ich hab das jetzt über drei Jahrzehnte durch, und nichts war schwieriger und müßiger als Teil der deutschen Linken werden zu wollen.

Meine Entdeckung der deutschen Linken kam relativ spät. Anders als du, Jan, wuchs ich nicht unter linken Eltern auf. Ich weiß ehrlich gesagt nicht mal, wen meine Eltern gewählt haben - wahrscheinlich Schröder, damals - und linke Politik zu wählen war immer mehr Widerstand gegen die Lebensfeindlichkeit deutscher neoliberaler Politik, als Lebensgefühl. Doch dann wurde die linke Politik selbst neoliberal, und was blieb war wieder einmal das Gefühl, nirgendwo dazuzugehören. Natürlich gibt es noch linke Strömungen, die aus dem Arbeiter- und Verkäuferinnenmilieu heraus versuchen, gegen die soziale Kälte des Landes anzukämpfen. Doch allzu oft kommt dann die deutsche Linke daher, und vereinnahmt die Stimmen derer, die ohnehin nie zu Wort kommen. Man darf es der deutschen Linken nicht vorwerfen, als alter weißer Mann kennt sie es ja nicht anders. Trotzdem: die deutsche Linke könnte von den Subjekten, für die sie kämpft, häufig nicht weiter entfernt sein. Klassenkampf kann nun mal warten, solange die eigenen Kinder gute Noten in der Klassenarbeit schreiben.

Aber, gut, wem sag ich das. Du kennst das sicher, dich nervt es ja auch. Ich verstehe daher auch, dass du mit der deutschen Linken in ihrer aktuellen Form abgeschlossen hast. Nur schießt du dabei leider ein bisschen übers Ziel hinaus, denn deine Lösung ist die Konservation des aktuellen desolaten Zustands. Konservativ sein, aus Versehen, oder gar um sich zu Wehren, so wie Harald. Konservativ, das heißt ja: Das Bewahren von alten Werten. Aber welche sollen das denn sein? Die Werte eurer Jugend, als ihr noch links wart? Denn das klingt ja oft durch, bei den Konservativen unserer Zeit, dass sie eigentlich gerne Links geblieben wären oder geworden wären, wenn Links nicht so… alt, männlich, und weiß wäre.

Das sagt ihr so natürlich nicht. Wenn dann nämlich junge Frauen kommen, vielleicht sogar mit Migrationshintergrund, und sich breitbeinig mit an den Tisch setzen, seid ihr irritiert. Verwundert. Angestrengt. Ihr schreibt dann Repliken in Kolumnen, man liest förmlich heraus, wie schwer euch der süffisante Tonfall fällt. Denn dieses Links, dieses junge, nicht-bürgerliche, radikale, feminine Links, das wollt ihr auch nicht. Zu weit außerhalb der Komfortzone. Zu unbekannt. Zu wenig wie ihr selbst.

Die Frage ist daher doch vielmehr: Wie hättet ihr Links denn gerne? Unanstrengend? Leise? Bequem? Puh, Jan, da müssen wir schon wirklich ein ganzes Stück zurück gehen in der Geschichte Deutschlands, um da eine leise Linke zu finden, aber nicht zu weit, weil sonst sind wir gleich bei Rosa Luxemburg und Gewerkschaftsaufständen und das ist wiederum nicht gerade die Definition von leise. Stattdessen seid ihr konservativ, ja, die Werte vergangener Zeiten, Wirtschaftswunderstyle, am liebsten noch mit nem Wunder von Bern oder Moskau oder zur Not auch eine Olympia-Saga, endlich sind wir wieder wer. Beziehungsweise ihr seid wer. Aber eben nicht progressiv.

Und das ist ja auch ein bisschen das Problem, dieses Streben danach jemand sein zu wollen, gut sein zu wollen, vor sich selbst zu rechtfertigen, dass man mit seinem Leben und seinen Bemühungen etwas Gutes tut, oder zumindest etwas Sinnvolles, für wen auch immer. Wenn man jung ist, und sich nie mit den eigenen Privilegien beschäftigt hat, denkt man gerne, dass die Lösung heißt, links zu sein. Links, oder auch: das Richtige sagen, das Richtige tun, im Gegensatz zum Falschen. Leere Worte aber eigentlich, denn unter der Prämisse kann das so ziemlich alles bedeuten, zum Beispiel auch, dass die Grünen eine linke Partei sind. Oder, Jan?

In zerrissener Verbundenheit
Deine Mina

 
Yasmina Banaszczuk